Es war mal wieder an der Zeit, sich aus dem Bett zu quälen. Der Wecker zeigte diese schreckliche Uhrzeit von 5.30 Uhr. Das war nun mal seine Zeit, wo er aufstehen mußte, um sich auf den Weg zur Arbeit zu begeben. Also hievte er sich widerwillig aus dem Bett und ging ins Bad. Im Spiegel betrachtete er seinen Stoppelbart und griff nach dem Rasierer. Er hasste es sich zu rasieren, aber sonst konnte er nicht ins Büro fahren. Wie würden denn seine Kollegen reagieren, wenn er sich erst mal mit der Hand durch sein kratziges Gesicht fährt. Also nahm er den Rasierschaum, spritzte etwas Schaum auf die Hand und verteilte es gleichmäßig im Gesicht. Die Klingen waren stumpf, so daß das Rasieren fast schon unmöglich war. Er schaffte es trotzdem irgendwie, die kurzen Stoppelhaare aus dem Gesicht zu entfernen. Es kam dabei nicht selten vor, daß er sich dann verletzte, weil er die kalten Messer so fest an seine Wangen drückte. Schreiend vor Schmerz lief er dann in der ganzen Wohnung umher und stampfte dabei meist so laut mit den Füßen auf den Boden, daß des öfteren schon Beschwerden seines Vermieters ins Haus kamen. Aber das störte ihn überhaupt nicht. Für ihn war dieser Mann nur ein psychisch Kranker, der sich jeden Monat freute, wenn er das Geld von seiner Firma aus den Staaten bekam. Er konnte es sich nicht einmal leisten, neue Klingen zu kaufen, da er jeden Monat ein Großteil seines sowieso schon mickrigen Gehaltes an seine Ex-Frau und den beiden Kindern abgeben mußte. Außerdem hatte er auch noch die hohe Miete für die viel zu kleine Wohnung und seinen klapprigen VW Käfer. Und so kam es schließlich nicht anders, daß er auf jede Mark achten mußte, bevor er sie ausgab.
Nachdem er sich angezogen hatte, lief er die alte Holztreppe hinunter in die Diele, wo er sich dann, wie jeden Tag, darüber aufregte, da mal wieder nichts Essbares im Kühlschrank war.
Als er noch verheiratet war, gab es so etwas nicht. Er konnte zeitig aufstehen und sich rasieren, während seine Frau das Frühstück machte. Dann aß er ganz in Ruhe mit der ganzen Familie. Anschließend wurde beratschlagt, was denn abends unternommen werden sollte. Es war alles viel einfacher als heute, aber es kam nun mal alles anders...! Damals konnte er noch mit seinem Opel Vectra ins Büro fahren. Es war ein schönes Auto, das er jeden Samstag pflegte. Auf der Arbeit freute er sich schon Stunden vor Feierabend, endlich mit beiden Kindern irgendwo hinzufahren und Spaß zu haben. Diese Zeiten waren jetzt vorbei, und daran mußte er sich verdammt noch mal gewöhnen.
Es fiel ihm aber überhaupt nicht leicht, das alles zu vergessen. Schließlich hatte er auf diese Art und Weise 13 Jahre lang den Tag lang begonnen; und das war weiß Gott nicht wenig. Aber das ganze Gejammer nutzte ihm gar nichts, das wußte er genau. Also ging er, wie so oft, mit leerem Magen aus dem Haus. Als er in seinem alten Auto saß und den Zündschlüssel umdrehte, um den Motor zu starten, mußte er feststellen, daß dieser wohl vom langen und harten Winter schwer gezeichnet wurde. Alle Bemühungen halfen nichts; der Käfer wollte und wollte nicht anspringen. Sicher war das keine Überraschung, denn schließlich war der Wagen schon über 13 Jahre alt und die notwendigen Reparaturen konnte er aus finanziellen Gründen auch nicht ausführen lassen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als die 8,5 km mit dem verkommenden Fahrrad, welches er mal von seiner Ex-Frau zum Geburtstag bekommen hatte, zu fahren. Mit dunkler Miene kramte er den Kellerschlüssel aus der löchrigen Hosetasche und stapfte durch den knöchelhohen Schnee in Richtung Treppe. Als er über den total zugeschneiten Weg zum Keller stürzte, fluchte er lauthals über seinen Vermieter. Dieser konnte aber auch nicht ahnen, daß es in dieser Nacht so viel geschneit hatte und außerdem brauchte er auch nicht um 6 Uhr aus dem Haus wie er. Und bevor sein Vermieter, dieser hochnäsige und penible Herr für ihn aufsteht um den Kellereingang zu fegen, meldet seine gut laufende Firma in den Staaten den Konkurs an. Also regte er sich mal wieder umsonst auf. Das wußte er auch, aber der ganze aufgestaute Frust, den er jeden Morgen hatte, ließ ihm keine andere Wahl.
Völlig gestresst wühlte er sein altes Fahrrad aus dem Keller und begab sich auf den rostig quietschenden Sattel. Als er nun kräftig in die Pedale trat, um die verloren gegangene Zeit wenigstens einigermaßen wiedergutzumachen, gab das Tretlager ein lautes Knatschen von sich und signalisierte so, daß es hinüber war. Nun war seine Geduld endgültig am Ende. Er fluchte und stampfte, wie morgens, mit den Füßen auf den Boden und schlug sich mit der Faust so fest auf den Oberschenkel, so daß sich nach und nach ein großer blauer Fleck entwickelte. Mußte den heute einfach alles schief gehen?
Wäre er bloß im Bett geblieben und hätte sich im Büro krankgemeldet, dann hätte er sich den ganzen Ärger ersparen können. Aber wer hätte schon ahnen können, daß er heute wirklich nichts vernünftig hinbekam.. Nun blieb ihm nur noch eine Möglichkeit: Da um diese Uhrzeit noch kein Bus in die Stadt fuhr und er auch sonst keine Freunde oder Bekannte hatte, die ihn hätten mitnehmen können, mußte er zu Fuß ins Büro. Und an ein Taxi war sowieso nicht zu denken. Also machte er sich auf den Weg und knöpfte seinen Mantel zu. Trotzdem wehte der immer wieder auffrischende Wind durch seine Kleidung. Er fror so sehr, daß er schon ganz blaue Hände bekam; und seine Zehen spürte er schon lange nicht mehr. Die lange Umgehungsstraße zog sich so sehr in die Länge, wie er es nie wahrgenommen hatte. Sonst fuhr er immer mit dem Auto und da zog die Landschaft nur so an ihm vorbei. Warum sollte er sich auch beim Fahren auf die Umgebung konzentrieren, wenn doch ein weiter Blick auf die Straße genügte. Teilweise sah er sogar Abschnitte der Umgebung, die ihm vorher noch nie aufgefallen waren. Das war ihm aber eigentlich völlig egal, denn er mußte sich erst mal eine Begründung für seine Verspätung ausdenken. Sein Chef nahm das immer sehr genau und akzeptierte keine flachen Ausreden. Wenn er die ganzen Vorkommnisse des heutigen Tages seinem Chef erzählen würde, dann antwortet dieser sowieso damit, warum er nicht zugeben wolle, daß er verschlafen hatte. Bei der Wahrheit zu bleiben hatte also wenig Sinn. Aber was sollte er sagen? Ein guter Lügner war er noch nie. Schon als kleiner Junge hatte er sich durch seine rötlich anlaufenden Ohren und Wangen verraten. Diese hatte er jetzt auch, aber das Stottern kam noch dazu, wenn er das Gefühl hatte, durchschaut worden zu sein.
Als er so vor sich hin ging und verzweifelt nach einer Ausrede suchte, fuhr neben ihm ein langer Sattelschlepper über die Straße, der ihm mit dem schon matschig gefahrenen Schnee völlig nass spritzte. Nun war er erst mal wieder auf dem Tiefpunkt seiner Stimmung, und erneut fiel ihm sein unglaubliches Pech auf, welches ihn schon den ganzen Tag zu verfolgen schien. Nass triefend setzte er seinen Weg fort, um überhaupt noch im Büro anzukommen. Die Umgehungsstraße hatte er jetzt hinter sich und damit war der schlimmste Teil des ganzen Weges geschafft. Es waren nur noch knapp 700 Meter, bis er hoch ins warme Büro konnte. Aber das war ihm irgendwie auch nicht recht, da ihm immer noch eine glaubwürdige Erklärung fehlte, um seinen Chef zu beruhigen. Kurzerhand beschloss er doch bei der Wahrheit zu bleiben, wenn ihn sein Chef nach einer Erläuterung für sein ja jetzt auch schon drei-stündiges Verspäten aufforderte. Mit diesem Gedanken stand er dann vorm großen Eingang des Multikonzerns. Die Klingel drückte er zweimal kurz und nach einiger Zeit hörte er das leise Surren des Türöffners. Selbstbewußt ging er am Pförtner vorbei, der ihn verspottend fragte, ob er heute Spätschicht hätte. Doch dieser Spruch konnte ihn jetzt auch nicht mehr reizen. Schnellen Schrittes ging er zum Aufzug und drückte die Anforderungstaste rechts neben der Tür. Als sich nach ca. zwei Minuten immer noch nichts tat, wurde er ungeduldig und sah das kleine Schild links neben der Tür, welches auf einen Defekt des Liftes hinwies. Das hätte er sich ja auch denken können und nahm den Weg zur Treppe. Das Schlimme daran war nur, daß sein Büro in der 13. Etage lag. Also wetzte er die 26 Treppen hoch und in seinen blaugefärbten Händen und total unterkühlten Zehen kamen so nach und nach wieder Leben. Ohren und Wangen verloren langsam die rötliche Farbe. Er bemerkte, daß ihm immer wärmer wurde und seine Kondition nachließ. Mit Schweißperlen auf der Stirn und nassem Hemd stieß er die Tür zum Büro auf, wo einige seiner Kollegen ihn sofort ansahen und grinsten. Noch halb im Flur stehend, hielt er mit der einen Hand die Tür auf, während er sich mit der anderen Hand völlig erschöpft an den Bauch fasste, um erst mal zu verschnaufen. Nach kurzer Zeit ließ er dann die Tür los und wankte zum Büro seines Chefs. Noch auf dem Weg hörte seinen ihn schon brüllen, wo denn zum Teufel noch mal der Kahlkopf sei. Sie nannten ihn so, weil er schon ziemlich lichtes Haar hatte. Aber eigentlich nannten sie ihn nur in seiner Abwesenheit so. Einmal klebten sie ihm ein Klebeband auf den Kopf, mit der Absicht, daß er sich dieses dann vom selbigen ziehen mußte und ein Großteil seiner restlichen Haare am klebrigen Streifen hängen blieben. Der Gag, wie die anderen das nannten, gelang, und seit dem hatte er noch weniger Haare, als er sowieso schon hatte. Seine Kollegen hatten immer ihren Spaß an solchen Aktionen und schikanierten ihn immer dann und da, wo sie nur konnten. Er wußte zwar, daß sein Arbeitsverhältnis mit dem Chef und den anderen Angestellten die Hölle war, aber er hatte keine andere Wahl, als die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten. Schließlich konnte man nicht mehr, wie noch vor einiger Zeit, einfach den Job wechseln, wenn man mit seinen Mitarbeitern nicht mehr zufrieden war. Außerdem brauchte er das Geld dringender als jeder andere in diesem hochfeinen Gebäude.
Im Büro des Chefs angekommen mußte er sich erst mal eine Standpauke anhören, während die anderen leise im Hintergrund zu lachen begannen. Er konnte nicht einmal seinen Standpunkt verteidigen, denn sein höchster Vorgesetzter ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen und erklärte ihm mit lauter und klarer Stimme, daß er seinen Job vergessen könne und gleich wieder nach Hause fahren dürfe um sich weiter auszuschlafen. Mit hängenden Schultern und hinuntergezogenen Mundwinkeln starrte er den Mann an, der seinem Leben, das sowieso schon eine Ruine war, mit der Abrisskugel kam. Als er noch ein Wort zu seiner Verteidigung sagen wollte, schrie dieser nur, er könnte jetzt so oft zu spät kommen wie er wolle, aber nicht mehr bei uns in dieser Firma. Dieser Schlag hatte voll getroffen, und den steckte er nicht so einfach weg. Die ganzen Sticheleien der Kollegen nahm er nie so richtig wahr, aber das mußte er begreifen. Davor konnte er sich nicht verstecken. Er war gefeuert!
Mit gesenktem Kopf ging er an den anderen vorbei auf den Flur. Sie tuschelten noch irgendetwas und fingen dann laut zu lachen an. Er konnte sich noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, jetzt arbeitslos zu sein. Wie sollte es nun weiter gehen?
Das Gelächter der anderen Angestellten hörte er gar nicht mehr. Als er am Fahrstuhl stand und die Taste mit dem Abwärtspfeil drückte, fiel ihm ein, daß dieser ja defekt war. Also lief er widerwillig zur Treppe und ging diese langsam hinunter. Es dauerte eine Weile, bis er im Erdgeschoß ankam. Der Pförtner fragte nur, ob die Spätschicht nun auch schon so stark gekürzt worden sei und kicherte leise. Mit geballter Faust und verkrampftem Gesichtsausdruck verließ er das Gebäude, in dem er seit seiner Hochzeit gearbeitet hatte. Seine Ex-Frau hatte ihm den Job damals besorgt, weil ihre Schwester mal die Chefsekretärin war. Sie mußte die Stelle aber wegen eines schweren Verkehrsunfalls aufgeben.
Wohin sollte er jetzt gehen? Nach Hause wollte er nicht. Da würde ihm nur die Decke auf den Kopf fallen. Erst jetzt wurde ihm klar, daß er die Wohnung gar nicht halten konnte. Seinen Käfer mußte er auch abmelden - und die Alimente? Das waren Fragen, mit denen er sich nie auseinandergesetzt hatte. Er entschied sich eine Kneipe aufzusuchen und erst mal so richtig einen über den Durst zu trinken. Natürlich wußte er, daß das keine Lösung war, aber wenigstens war er dann für ein paar Stunden vertröstet. Nun stand er - sprichwörtlich - auf der Straße.
Er entschied sich in die Bahnhofskneipe zu gehen. Diese war nicht weit von ihm entfernt und in der Nähe gleich ein Geldautomat seiner Kasse. Also machte er sich auf den Weg durch den matschigen Schnee. Dieser spritzte bei jedem Schritt an seine Hosenbeine. Die gute Stoffhose und seine feinen Lederschuhe, die er sich vom Mund abgespart hatte, brauchte er sowieso nicht mehr. Er versuchte zumindest, sich bei sich selbst dafür zu entschuldigen. An dem Geldautomaten angekommen, mußte er sein Konto noch weiter überziehen, um an das Geld zu kommen. Das war ihm egal. Er wollte nur noch in die Kneipe und sich betrinken. Er hob die letzten 140 DM ab, die sowieso nicht für den Rest des Monats gereicht hätten. Mit diesem Geld wollte er sich wenigstens für einige Stunden aus dem Schlamassel ziehen. Ihm war wohl klar, daß er nachher die kalte Dusche bekam und ihm alles wieder einfiel, doch das war egal. Alles war egal...
An der Kneipe angekommen, zog er die alte, quietschende Tür auf und nahm einen muffeligen Gestank wahr. Als der Wirt fragte, ob der Herr was bestellen wolle, erschrak er. Wann war er das letzte Mal so angesprochen worden? Es sollte wohl schon eine Ewigkeit her sein. Der Barkeeper fragte erneut und er bestellte zwei doppelte Whiskey und setzte sich an die Theke. Als er kurz darauf seine Drinks bekam, trank er den Ersten gleich leer. Den zweiten wollte er sich noch etwas aufheben. Er sah sich um und bemerkte die ganzen heruntergekommenen und betrunkenen Personen in den hinteren Reihen der Kneipe zu denen er jetzt wohl auch gehörte. Seinen zweiten Whiskey trank er jetzt doch und bestellte gleich zwei neue nach. So ging das Stunde für Stunde. Er dachte an alles und an nichts.
Plötzlich bekam er einen Seitenhieb, der ihn aus seinen Gedanken riss. Der Barkeeper wollte die Kneipe schließen und bat ihn zu bezahlen. Er nahm nur sein Geld aus der Hosentasche und legte es auf den Tresen. Das sollte wohl genug sein. Es war genug. Es war sogar viel zu viel, aber der Wirt sagte nichts. Schließlich gehört das Geld, was auf dem Tresen liegt, dem Barkeeper, und auf ein so hohes Trinkgeld wollte er auch nicht verzichten.
Wieder auf der Straße, beschloß er vorerst einmal, etwas spazieren zu gehen, um mal etwas frische Luft zu schnappen und wieder etwas klarer im Kopf zu werden. Das war zwar unwahrscheinlich, denn er hatte zu viele Drinks, die spazieren gehen nicht ungeschehen machen konnten. Trotzdem stapfte er durch den matschigen Schnee. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte, was auch keine Rolle spielte. Schließlich wollte er sich nur ein bißchen die Beine vertreten und über alles noch einmal nachdenken Diese Kündigung hatte sein Leben entscheidend verändert und daran mußte er sich erst einmal gewöhnen. Wie gerne hätte er jetzt sein intaktes Familienleben wieder. Seine Frau und seine Kinder hätten ihn ganz sicher über den Verlust seiner Stelle hinweggetröstet und ermutigt, den Kopf nicht hängen zu lassen. Darauf brauchte er aber nicht zu hoffen, denn seine Frau hatte ihn vor knapp drei Monaten wegen einer Affäre verlassen. Diese hatte sie auch noch ausgerechnet mit seinem Chef, der ihm heute die Kündigung an den Kopf knallte. Deshalb begann auch der Spießrutenlauf auf der Firma, weil seine Ex-Frau eine Hetzjagd gegen ihn organisierte. Seine ganzen intimsten Geheimnisse machten im Büro die Runde, und private Fotos von ihm wurden kopiert und am schwarzen Brett ausgehangen. Nach diesen Methoden wurde er nach und nach zur Witzfigur, über den jeder lachen konnte und seine Späße machte. Er mußte also selber mit seinen Problemen fertig werden und hatte keinen, mit dem er über diverse Dinge reden konnte.
Plötzlich zuckte er zusammen. Ein Güterzug sauste unter ihm durch und erst jetzt bemerkte er, daß er schon weit außerhalb der Stadt im Industriegebiet befand. Er stützte sich am Geländer und schaute aufs Gleis. Wieder begann er über die Vorkommnisse des heutigen Tages nachzudenken. Wie konnte das alles nur sein? Dann richtete er seinen Blick gen Himmel und bewunderte die sternklarer Nacht. Wie gerne wäre er jetzt auch da oben und könnte sich die ganzen armen Irren auf der Erde ansehen und mal über sie lachen. Wenn er tot wäre, würde es doch sowieso keiner wahrnehmen. Seine Leiche würde sicherlich irgendwo langsam verwesen und nach einiger Zeit könnte keiner mehr feststellen, wer er überhaupt war. Aber so wollte er nicht enden,...oder? Was hatte er noch zu verlieren? Nichts! Nicht mal der Dreck unter seinen Fingernägeln gehörte noch ihm. Er hatte weder Frau noch Kinder, die er täglich sehen konnte. Seine Wohnung hatte er auch verloren und nachdem er sein geliebtes Auto nach der Scheidung verkaufen mußte, um seiner Frau die Abfindung für die Wohnungseinrichtung zu zahlen, mußte er sich eigentlich von allem trennen, was ihm irgendwie mal was bedeutete.
Warum nicht auch seinem Leben? Wie gerne wäre er jetzt bei den Sternen, wie gern. Er stieg auf das Geländer der Brücke, um dem Himmel wenigstens etwas näher zu sein. Er streckte die Arme auseinander und ließ den Kopf in den Nacken fallen. Auf einmal fing er an, seinen ganzen Frust, der sich so massiv über den ganzen Tag angesammelt hatte, aus sich rauszuschreien. Er schrie und schrie, bis er keine Luft mehr bekam. Langsam fing er an zu schwanken, doch er bemerkte nichts. Die vielen Drinks, die er diesen Abend getrunken hatte, zeigten noch immer ihre Wirkung. Folglich konnte er sein Gleichgewicht nicht mehr halten und fiel kopfüber die Brücke hinab auf die Gleise. Doch noch war er von dieser armseligen Welt nicht erlöst. Wie konnte man nur so viel Pech haben, wie er? Jetzt fiel ihm da ein eigenartiger Zusammenhang auf, der dem ganzem einen Sinn geben könnte:
Er war mit seiner Ex-Frau, die ihm den Job in der 13. Etage, vor 13 Jahren besorgte, 13 Jahre verheiratet. Und vor 13 Jahren verließ ihn diese Frau, weshalb er sich ein anderes Auto kaufen mußte. Dieses war - natürlich - 13 Jahre alt war. Mit letzter Kraft warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. Trotz des großen Sprunges in der Scheibe konnte er das Datum des heutigen Tages noch ablesen:
Nun fing er leise an zu schmunzeln, was sich dann in ein schmerzhaftes Lachen wandelte. Er hörte schon, wie sich ihm aus weiter Entfernung ein schwerer Güterzug mit hoher Geschwindigkeit näherte.
War den alles Utopie, also Aberglaube oder real?
Egal....
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